Nintendo · 1983Spielkonsolen
Nintendo NES
Geschichte & Kontext
Als Mitte der Achtzigerjahre der nordamerikanische Spielemarkt in Trümmern lag, hätten nur wenige darauf gewettet, dass ausgerechnet Videospiele die Kinderzimmer der ganzen Welt erneut erobern würden. Der Crash von 1983, mit minderwertigen Titeln überfüllte Läden und die symbolische Beerdigung unverkaufter ET-Module in der texanischen Wüste sendeten ein klares Signal: Unterhaltung auf dem Fernsehbildschirm war eine erledigte Mode. Und dann kam Nintendo. Sein Famicom (Family Computer), der 1983 in Japan erschien, und sein westliches Redesign, das NES (Nintendo Entertainment System, USA 1985, Europa 1986/87), erweckten die gesamte Branche buchstäblich wieder zum Leben.
Der Schlüssel war nicht nur die Technik, sondern vor allem die Qualitätskontrolle. Nintendo führte ein striktes Lizenzsystem mit dem berühmten Siegel „Nintendo Seal of Quality“ ein und begrenzte die Anzahl der Titel, die ein Verlag pro Jahr veröffentlichen durfte — eine direkte Reaktion auf das, was den Markt zuvor getötet hatte. Das beigelegte Super Mario Bros. zeigte dann, wie ein perfekter Plattformer auszusehen hat, und wurde zum Synonym für Spiele überhaupt. Die Konsole verkaufte sich schließlich über 60 Millionen Mal und erzog eine ganze Generation von Spielern wie auch Entwicklern.

Technik: Grafik und Sound
Das Herzstück des NES ist der Acht-Bit-Prozessor Ricoh 2A03 (in der PAL-Version 2A07), aufgebaut auf einem zum MOS 6502 kompatiblen Kern, in den Nintendo auch die Soundeinheit integrierte. Er läuft mit etwa 1,79 MHz (NTSC). Für das Bild sorgt ein eigenständiger Grafikchip, die PPU (Picture Processing Unit), die eine Auflösung von 256×240 Punkten bewältigt. Aus einer Gesamtpalette von 54 nutzbaren Farben (oft werden 64 Werte genannt, von denen sich ein Teil wiederholt) lassen sich bis zu 25 Farben gleichzeitig auf den Bildschirm bringen, aufgeteilt in Paletten zu je vier.
Die PPU übernimmt hardwareseitige Sprites — maximal 64 Sprites insgesamt und 8 pro Zeile, weshalb in älteren Spielen die Sprites bei Überlastung flackern. Selbstverständlich war das flüssige hardwareseitige Scrolling des Hintergrunds, das Super Mario Bros. berühmt machte.
Der Soundchip bietet fünf Kanäle: zwei Puls-(Rechteck-)Kanäle, einen Dreieckskanal für die Bässe, einen Rauschkanal für Perkussion und einen einfachen Kanal für gesampelten Klang (DPCM). Die charakteristischen „Blip“-Melodien von Komponisten wie Koji Kondo gruben sich für immer ins kollektive Gedächtnis ein. Viele Module enthielten zudem zusätzliche Mapper — Chips, die die Speicheradressierung sowie die Grafik- und Klangmöglichkeiten erweiterten. Deshalb sehen und klingen späte Spiele wie Kirby's Adventure oder Mega Man 3 deutlich besser als die frühen Titel.

Vernetzung und Peripherie
Das NES hatte reichhaltiges Zubehör. Zur Konsole gehörten der Lichtpistolen-Controller Zapper (das legendäre Duck Hunt) und der Roboter R.O.B., der beim Marktstart eher eine Marketingrolle spielte. Für mehr Spieler gab es den Adapter NES Four Score (und in Japan Controller-Anschlüsse direkt am Famicom).
Der Famicom unterschied sich vom NES auch bei den Anschlüssen: Er hatte fest verbundene Controller, von denen der zweite ein Mikrofon trug, und einen Erweiterungsport für Peripherie wie das Diskettenlaufwerk Famicom Disk System. In Japan funktionierte auch das Famicom Modem für Online-Dienste. Das nordamerikanische NES gab das Bild über einen HF-Modulator oder einen Composite-AV-Ausgang aus; das spätere Modell AV Famicom fügte ein hochwertigeres Composite-Signal hinzu.

Modelle und Revisionen
Das ursprüngliche amerikanische NES (Modell NES-001) hatte sein ikonisches „Toaster“-Design mit einem vorderen Einschubschacht und einem ZIF-Andruckmechanismus. Gerade dieser Mechanismus war nach Jahren die Ursache des berüchtigten Bildflackerns, weil die Kontakte oxidierten.
1993 erschien ein kompaktes Redesign, das NES-101 (der sogenannte „Top Loader“), mit einem oberen Schacht, der die Kontaktprobleme beseitigte, dem allerdings ein Composite-Ausgang fehlte. In Japan brachte Nintendo 1993 den eleganten AV Famicom (HVC-101) heraus. Viel später erschien auch die miniaturisierte NES Classic Edition (2016) mit emulierten Spielen.
Klone und Varianten
Das NES gehört zu den am häufigsten geklonten Konsolen überhaupt. In aller Welt, insbesondere im Ostblock und in Asien, kursierten unlizenzierte Famiclones. In Mittel- und Osteuropa war der bekannteste der Pegasus — ein Famiclone, der seit der Wende der Achtziger- und Neunzigerjahre verkauft wurde und selbst in der Tschechoslowakei für viele Kinder die allererste Konsole überhaupt wurde, weil das originale Nintendo nicht erhältlich und teuer war. Diese Klone nutzten zum Famicom kompatible Hardware und kamen oft mit Mehrspiel-Modulen.
Die heutige Szene
Die NES-Emulation ist heute vollständig gelöst — präzise Emulatoren wie Mesen oder die Kerne Nestopia und FCEUX (oft im Rahmen von RetroArch) laufen selbst auf der schwächsten Hardware. Zugleich ist die heimische Homebrew-Szene des NES vermutlich die lebendigste aller Retro-Plattformen. Werkzeuge und Community sind so weit gereift, dass Spiele wie Micro Mages oder Lizard entstehen, die besser aussehen und sich besser spielen als die meisten zeitgenössischen Titel — und sogar auf echten Modulen erscheinen. Für viele Entwickler bleibt das NES gerade wegen jener „schönen Einschränkungen“ eine Traumplattform, die zu cleverem und ehrlichem Design zwingen.
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