SEGA · 1990Handhelds
SEGA Game Gear
Geschichte & Kontext
Als Sega 1990 (in Europa und den USA ein Jahr später) den Game Gear vorstellte, trat es in einen Kampf ein, den Nintendo mit seinem Game Boy längst entfacht hatte. Sega setzte jedoch auf einen Trumpf, der dem Rivalen fehlte: ein farbiges beleuchtetes Display. Während der Game Boy nur vier Schattierungen von grünlichem Grau bot, strahlte der Game Gear in voller Farbe und sah aus wie ein Taschenfernseher. Segas Marketing trieb diesen Unterschied ins Extrem, und für einen Moment schien es, als bekäme das mobile Spielen eine völlig neue Dimension.
Unter der Haube gab es nichts Neues. Der Game Gear war im Grunde ein in ein Taschengehäuse gepferchtes Master System — er teilte denselben Prozessor, denselben Grafik- und Soundchip und zu einem großen Teil auch die Spielebibliothek. Diese Verwandtschaft war zugleich seine Stärke (schnelles Portieren von Titeln) und der Grund, warum er die technologische Latte, die später die 16-Bit-Maschinen setzten, nie erreichte.
Technik: Grafik und Sound
Herzstück der Konsole ist der Acht-Bit-Prozessor Zilog Z80, getaktet um die 3,5 MHz — derselbe bewährte Kern, der das Master System und das ZX Spectrum antrieb. Die Grafik besorgt ein Ableger des VDP-Chips aus dem Master System. Das Display hat eine Auflösung von 160 × 144 Punkten, also dieselbe Fläche wie der Game Boy, aber mit einem völlig anderen Look: Aus einer Palette von 4096 Farben kann der Game Gear bis zu 32 Farben gleichzeitig darstellen (typischerweise auf zwei Paletten zu je sechzehn aufgeteilt). Gegenüber dem monochromen Rivalen ist das ein himmelweiter Unterschied.
Die Hardware bewältigt Hardware-Sprites und flüssiges Scrolling über die gesamte Fläche, sodass Actionspiele, Plattformer und Shmups flott laufen. Da der Bildschirm kleiner ist als der TV-Ausgang des Master System, waren viele Ports leicht beschnitten — das Sichtfeld verengte sich, damit die Objekte groß und lesbar genug blieben.
Den Sound löst der klassische SN76489 (PSG) mit drei Tonkanälen und einem Rauschkanal. Über den eingebauten Lautsprecher klingt er eher piepsig, doch über Kopfhörer bot der Game Gear zusätzlich einen Stereo-Ausgang — ein angenehmer Bonus, den das Master System serienmäßig nicht hatte.
Anschlüsse und Peripherie
Der Game Gear dachte auch an das Spiel zu zweit. Mit dem Gear-to-Gear-Link-Kabel ließen sich zwei Konsolen verbinden und Multiplayer spielen, etwa Rennen in Sonic Drift 2. Jeder Spieler brauchte allerdings ein eigenes Gerät und eine eigene Kopie des Spiels.
Das berühmteste Zubehör war jedoch der TV Tuner — ein Aufsatz, der aus der Konsole einen farbigen Taschenfernseher machte. Es war ein kurioser Hit seiner Zeit und heute ein begehrtes Sammlerstück. Zudem gab es den Master Gear Converter (Master System Converter), dank dessen sich auf dem Game Gear Module vom Master System starten ließen, sowie eine AV/TV-Ausgangs-Lösung und einen Netzadapter, der den unseligen Batterieverbrauch teilweise löste.
Und genau die Batterien waren die Achillesferse. Der Game Gear verschlang sechs Mignon-Batterien in nur drei bis vier Stunden, während der Game Boy mit vier Zellen über zehn Stunden lief. Der Spitzname „Batteriefresser“ ist ihm bis heute geblieben.

Modelle und Revisionen
Sega veröffentlichte auch ein kleineres und leichteres Redesign der Konsole, das die Abmessungen gegenüber dem ursprünglichen voluminösen Körper verkleinerte. Es gab auch farbige Gehäusevarianten für verschiedene Märkte. Jahre später erlebte der Game Gear sogar ein offizielles „Comeback“ in Miniaturform: 2020 gab Sega zum Firmenjubiläum den Game Gear Micro heraus — eine winzige Nachbildung mit klitzekleinem Bildschirm und einigen vorinstallierten Spielen, eher für Sammler und Fans als zum echten Spielen gedacht.
Ein ernstes Leiden jedes originalen Exemplars sind heute gerissene Kondensatoren im Sound- und Bildteil. Viele erhaltene Konsolen brauchen deshalb ein sogenanntes Recap — einen kompletten Austausch der Kondensatoren —, damit Ton und ein sauberes Bild zurückkehren.
Klone und Varianten
Um den Game Gear entstand nie ein solcher Dschungel von Klonen wie um das NES oder das ZX Spectrum, wo im Osten Famiclones (Pegasus) oder der tschechoslowakische Didaktik auftauchten. Sega hielt die Hardware fester in den eigenen Händen. Die wichtigsten „Varianten“ sind daher hauptsächlich offizielle: das erwähnte Redesign, der Game Gear Micro und ferner die Verbindung zur heimischen Welt über den Master Gear Converter, dank dessen aus dem Handheld faktisch ein tragbares Master System wurde. Sammlerisch interessant sind dann regionale Versionen und Verpackungen (Sega vs. lizenzierte Vertriebe in einzelnen Ländern).
Die heutige Szene
Für den heutigen Retro-Gamer ist der Game Gear gerade deshalb ideal, weil seine einzige große Schwäche — der Batterieverbrauch — auf dem Emulator verschwindet. Emulatoren wie Emulicious, MEKA, BlastEm oder universelle Kerne in RetroArch starten die Bibliothek problemlos und obendrein mit flüssigem Farbbild. Die Bibliothek reicht von Acht-Bit-Sonics (Sonic Triple Trouble, Sonic Chaos) über den erkundenden Spin-off Tails Adventure, nahe an einem Metroidvania, bis zu den hervorragenden Shmups der GG Aleste-Reihe.
Der beste Beweis, dass die Plattform lebt, ist das Spiel GG Aleste 3 des renommierten Studios M2 aus dem Jahr 2020 — ein brandneuer Titel für einen längst „toten“ Handheld, veröffentlicht als Teil der Aleste Collection. Der Game Gear verwandelte sich so vom Verlierer seiner Zeit in eine angenehme Insel zum Entdecken.
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