Atari · 1989Handhelds
Atari Lynx
Geschichte & Kontext
Als Atari 1989 den Lynx vorstellte, sah es nach einem sicheren Treffer aus: die weltweit erste Handheld-Konsole mit einem farbigen, hintergrundbeleuchteten LCD-Display. Während Nintendo im selben Jahr mit dem Game Boy und seinen grünlichen Grauabstufungen antrat, zeigte der Lynx volle Farbe, konnte Sprites in Hardware skalieren und rotieren und schuf so Pseudo-3D-Effekte, an die der Game Boy nicht einmal denken konnte. Technisch war es eine Maschine eine ganze Klasse fortschrittlicher. Der Entwurf stammte dabei nicht von Atari selbst — die Konsole wurde ursprünglich von der Firma Epyx unter dem Namen Handy entwickelt, und Atari kaufte sie anschließend und brachte sie auf den Markt. An der Entwicklung waren Leute beteiligt, die zuvor hinter Ataris berühmten Arcade-Automaten standen, und das merkt man der ganzen Bibliothek an.
Die Geschichte des Lynx ist jedoch ein Musterbeispiel dafür, dass bessere Technik allein nicht ausreicht. Die Konsole verlor am Ende, und der Game Boy fegte sie in den Verkaufszahlen hinweg. Es gab im Wesentlichen drei Gründe: den hohen Preis (fast das Doppelte des Game Boy), die unpraktische Größe und das Gewicht und vor allem den Batteriehunger. Der Lynx verbrauchte sechs AA-Batterien in etwa drei bis vier Stunden Spielzeit, während der Game Boy bequem mit vier Batterien über zehn Stunden lief. Für ein tragbares Gerät war das eine fatale Schwäche. Nintendo hatte zudem einen Trumpf in Form von Tetris und einer unvergleichlich stärkeren Software-Unterstützung.
Technik: Grafik und Ton
Das Herz des Lynx war ein 8-Bit-Prozessor, abgeleitet vom bewährten MOS 65C02, der mit etwa 4 MHz lief und von Ataris eigenen Chips (bekannt unter den Namen Mikey und Suzy) unterstützt wurde. Gerade der Grafik-Koprozessor Suzy erledigte das Interessanteste: Er konnte Sprites in Hardware skalieren, verzerren und rotieren, was ein fließendes Heran- und Herauszoomen von Objekten und eine einfache Rauml-Illusion ermöglichte. Diese Fähigkeit machte aus Spielen wie Blue Lightning oder S.T.U.N. Runner ein effektvolles Schauspiel, das konkurrierende Handhelds nicht bewerkstelligen konnten.
Das Display zeigte eine Auflösung von 160 × 102 Punkten und konnte bis zu 16 Farben gleichzeitig aus einer Palette von 4096 Abstufungen darstellen. Die Hintergrundbeleuchtung war 1989 ein Luxus — man konnte auch im Dunkeln spielen, was beim Game Boy schlicht nicht ging. Für den Ton sorgte der Mikey-Chip mit vier Kanälen und Unterstützung für Stereo-Ausgabe, sodass der Lynx über Kopfhörer deutlich reicher klang als die piepsende Konkurrenz.
Verbindung und Peripherie
Die Vorzeigefunktion war die Netzwerkverbindung ComLynx: Mit einem speziellen Kabel ließen sich bis zu acht Konsolen zu einer einzigen Multiplayer-Sitzung verbinden, was für seine Zeit ein Unikat war. Ein Teil der Bibliothek nutzte das voll aus — die Rennen von RoadBlasters oder California Games waren zu mehreren ein Erlebnis.
Auch die Hardware selbst war clever. Die Konsole ließ sich per Software drehen, sodass sich das Bild umkehrte und auch Linkshänder das Gerät bequem bedienen konnten — die Tastenanordnung passte sich an. Die Spiele wurden auf kleinen Cartridges vertrieben, und Atari bot auch Zubehör wie einen Netzadapter oder eine Sonnenblende für das Display an, die bei der Lesbarkeit im direkten Licht half.

Der Lynx erlebte zwei wichtige Hardware-Versionen. Der ursprüngliche Lynx I von 1989 war groß, kantig und verschlang Batterien gnadenlos. 1991 kam der überarbeitete Lynx II: Er war kleiner und leichter, erhielt einen Kopfhörerausgang mit Stereoton, eine abschaltbare Hintergrundbeleuchtung zur Energieersparnis und eine praktische Schiebeabdeckung für das Display. Die Spiele waren zwischen beiden Modellen voll kompatibel, es handelte sich also rein um ein Redesign, das auf bessere Ergonomie und längere Ausdauer abzielte.
Klone und Varianten
Dank seiner kundenspezifischen Chips hat der Lynx keine klassischen inoffiziellen Klone, wie wir sie etwa vom NES oder ZX Spectrum kennen — die Hardware ließ sich nicht leicht nachahmen. Sein Vermächtnis lebt so nicht in Nachahmungen weiter, sondern in seiner Bibliothek von Arcade-Portierungen. Viele Titel waren getreue Konvertierungen von Arcade-Automaten von Atari und Midway: Robotron, RoadBlasters, S.T.U.N. Runner, Xybots oder Rygar. Etwa 40 % der Spiele erschienen exklusiv für den Lynx, was sie heute zu geschätzten Sammlerstücken macht und ein Grund dafür ist, warum die Konsole unter Fans einen Kultstatus behält.
Die heutige Szene
Für Retro-Spieler ist der Lynx eine gute Nachricht. Bei der Emulation verschwindet nämlich sein einziger grundlegender Mangel — der Batterieverschleiß — vollständig, und es bleibt nur das schöne Farbdisplay und die solide Arcade-Bibliothek. Die verbreitetste Lösung ist der Handy-Core im Rahmen von libretro/RetroArch, der auch auf schwächeren Taschengeräten und modernen Handhelds zuverlässig läuft. Der Lynx bekommt so heute endlich die Anerkennung, die er sich zu seiner Zeit nicht erkämpfte.
Bemerkenswert ist, dass die Szene rund um den Lynx immer noch lebendig ist. Der regelmäßige Wettbewerb Atari Gamer bringt neue Homebrew-Titel hervor, und es entstehen auch ehrgeizige moderne Projekte wie das JRPG Wyvern Tales. Der Atari Lynx ist so am Ende einer der schönsten Beweise dafür, dass eine kommerzielle Niederlage noch nicht das Ende bedeutet — sie fand nur ein paar Jahrzehnte früher statt, als die Welt sie zu würdigen vermochte.
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