SNK · 1990Arcades
SNK Neo Geo
Geschichte & Kontext
Als SNK 1990 das Neo Geo vorstellte, handelte es sich nicht um eine gewöhnliche Heimkonsole, sondern um ein kleines Wunder: buchstäblich einen ins Wohnzimmer verpflanzten Arcade-Automaten. Das System hatte zwei Gesichter — die für Spielhallen bestimmte Arcade-Platine MVS (Multi Video System) und die Heimkonsole AES (Advanced Entertainment System). Beide Varianten teilten sich absolut identische Hardware, sodass ein Spiel, das in der Spielhalle lief, zu Hause genau gleich aussah. Zu einer Zeit, in der Heimportierungen von Arcade-Titeln in der Regel abgespeckte Kompromisse waren, war das eine absolute Sensation. Doch das Neo Geo hatte auch einen königlichen Preis: Sowohl das Heimsystem als auch die einzelnen Cartridges kosteten so viel, dass es sich um Luxusware für Enthusiasten mit tiefen Taschen handelte. Dennoch baute sich das Neo Geo einen legendären Status auf und blieb unglaublich lange kommerziell lebendig — Software dafür erschien offiziell bis 2004.
Die Stärke des Neo Geo lag nicht in einer technischen Revolution des Prozessors selbst, sondern in den brutal überdimensionierten Möglichkeiten für 2D-Grafik und darin, dass SNK die Plattform länger am Leben halten konnte als jeder Konkurrent. Es wurde zur Heimat ikonischer Reihen, die das Genre der Prügelspiele und der Run-and-Gun-Action definierten.
Technik: Grafik und Klang
Das Herz des Systems ist der 16-Bit-Prozessor Motorola 68000, getaktet mit etwa 12 MHz, ergänzt um einen Zilog Z80 als Sound-Koprozessor. Für seine Zeit bestach das Neo Geo mit einem extremen Fokus auf Sprites. Die Hardware konnte eine enorme Anzahl großer, detailliert animierter Figuren gleichzeitig darstellen, wodurch Prügel- und Actionspiele viel flüssiger und "fetter" wirkten als auf gewöhnlichen Heimkonsolen.
Die Bildauflösung betrug 320×224 Pixel. Entscheidend war die Farbpalette: Das System verfügte über eine Palette von 65.536 Farben, von denen es rund 4.096 Farben gleichzeitig auf dem Bildschirm darstellen konnte. Das verlieh der Grafik einen charakteristisch satten, gezeichneten Look. Sprites ließen sich zudem skalieren und verformen, was die Autoren für Heranzoom- und "Zoom"-Effekte in Prügelspielen wie Art of Fighting oder Fatal Fury nutzten.
Für den Klang sorgte der berühmte Chip Yamaha YM2610. Er kombinierte FM-Synthese mit der Wiedergabe gesampelter (ADPCM-)Klänge und hatte mehrere Kanäle zur Verfügung — das Ergebnis waren unvergessliche Soundtracks und laute, dramatische digitalisierte Stimmen. Gerade die Klangseite trug erheblich zur Arcade-Atmosphäre von Spielen wie Metal Slug oder The King of Fighters '98 bei.
Anschlüsse und Peripherie
Das heimische AES verwendete massive Cartridges — die größten und teuersten Spielmodule ihrer Ära, in der Lage, gewaltige Datenmengen zu fassen, was jene reiche Grafik und den Klang ermöglichte. Die Konsole hatte zwei Controller-Ports und wurde mit dem legendären großen Joystick mit Mikroschaltern geliefert, der das Gefühl des Arcade-Automaten nachbildete.
Eine wichtige Peripherie war die Speicherkarte (Memory Card). Es war eines der ersten Systeme, das dieses Konzept einführte: Der Spieler konnte seinen Fortschritt auf einer Karte speichern, sie mit in die Spielhalle nehmen, in einen MVS-Automaten mit demselben Spiel stecken und dort weitermachen, wo er zu Hause aufgehört hatte. Diese Verbindung von Zuhause und Spielhalle war für ihre Zeit außergewöhnlich. SNK brachte später auch eine CD-Variante mit eigenem optischem Laufwerk heraus (siehe weiter unten).

Die grundlegende Aufteilung bilden das bereits erwähnte MVS (Arcade-Automaten, oft mit mehreren Cartridge-Steckplätzen — Versionen für 1, 2, 4 und 6 Spiele) und das heimische AES. Das AES wurde in verschiedenen regionalen Varianten verkauft.
Neben dem kostspieligen cartridgebasierten AES führte SNK 1994 das günstigere Neo Geo CD ein, das Spiele auf gewöhnlichen CDs speicherte. Dadurch sank der Preis der Medien dramatisch, allerdings auf Kosten langsamer Ladezeiten (Loading) und begrenzten Speichers, sodass einige Spiele angepasst werden mussten. Es gab auch Revisionen der CD-Einheit, unter anderem das schnellere Neo Geo CDZ, das primär für den japanischen Markt bestimmt war.
Viel später, 1998, kam die Handheld-Konsole Neo Geo Pocket und kurz darauf das farbige Neo Geo Pocket Color — doch das war bereits ein eigenständiger Handheld, keine Verkleinerung des großen Systems.
Klone und Varianten
Angesichts des hohen Preises und der Geschlossenheit der Hardware verbreiteten sich "klassische" günstige Neo-Geo-Klone nicht so wie bei den 8-Bit-Maschinen. Die Szene kämpfte jedoch lange mit Raubkopie- und inoffiziellen Cartridges (insbesondere Konvertern zwischen den Formaten MVS und AES sowie Kopien von Spielen), die in der Community sehr verbreitet waren.
In moderner Zeit brachte SNK selbst eine offizielle Miniatur-Retro-Variante heraus — das Neo Geo Mini (2018), ein kompaktes Gerät in Form eines Miniatur-Automaten mit eingebauter Spielesammlung und kleinem Bildschirm, dazu offizielle Controller, stilisiert im Look des originalen Arcade-Sticks.
Die heutige Szene
Das Neo Geo gehört zu den am besten dokumentierten und emulierten Plattformen überhaupt. Sowohl MVS- als auch AES-Spiele lassen sich zum Beispiel mit MAME und spezialisierten Emulatoren wie FinalBurn Neo originalgetreu starten, sodass die gesamte Bibliothek auch auf schwächeren Geräten und Handhelds verfügbar ist. Zudem verkauft SNK seine Klassiker aktiv weiter — die ACA Neo Geo-Kollektionen erscheinen auf modernen Konsolen und PC und machen einzelne Titel in authentischer Form samt Online-Bestenlisten zugänglich.
Lebendig bleibt auch die Homebrew-Community, die für das Neo Geo völlig neue Spiele und Demos erschafft, die oft sogar auf echten Cartridges vertrieben werden. Zusammen mit Emulation und offiziellen Neuauflagen bleibt die Plattform, deren Software über mehr als vierzehn Jahre hinweg entstand, somit auch mehr als drei Jahrzehnte nach ihrem Erscheinen am Leben.
Spiele auf dieser Plattform (35)
Kein Spiel in diesem Genre.