Philips · 1991Spielkonsolen
Philips CD-i
Geschichte & Kontext
Philips CD-i ist das seltsamste Gerät, das jemals in eine Liste von Spielkonsolen geraten ist. Als Philips es 1991 auf den Markt brachte, behauptete das Unternehmen gar nicht, es handle sich um eine Konsole — man sprach von einem multimedialen Heimabspielgerät, einem Gerät, das neben Fernseher und Videorekorder stehen und der Familie Enzyklopädien, Sprachkurse, Musik, Filme und "auch ein paar Spiele" bieten sollte. Die Abkürzung Compact Disc Interactive bezeichnete einen ganzen Industriestandard: ein eigenes Disc-Format, ein eigenes Betriebssystem und eine feste Hardware-Spezifikation, an die sich Hersteller halten mussten, damit eine Disc überall funktionierte.
Diese Ambition war ihrer Zeit um ein Jahrzehnt voraus — CD-i sollte das werden, was später DVD und Smart-TV zusammen wurden. Nur bedeutete das 1991 eine teure Kiste, die alles nur halb konnte. Und vor allem: Das Gerät wurde mit einer Fernbedienung mit Daumen-Joystick gesteuert, weil Philips davon ausging, dass der Nutzer in einer Enzyklopädie blättert und nicht einem Gegner ausweicht. Spiele erlitten dadurch einen Schaden, von dem sie sich nie erholten.
In die Geschichte ging CD-i trotzdem ein — nur anders, als sich das jemand gewünscht hätte. Gerade auf CD-i erschienen Link: The Faces of Evil, Zelda: The Wand of Gamelon und Hotel Mario — Titel mit Nintendo-Figuren, die als Nebenprodukt gescheiterter Verhandlungen über einen CD-Zusatz für das SNES entstanden. Nintendo lizenzierte Philips seine Figuren als Trostpflaster, Philips machte daraus Spiele mit steifer Animation und hölzerner Synchronisation, und das Internet entschied zwei Jahrzehnte später, dass diese Discs für immer das Lehrbuchbeispiel dafür bleiben würden, wie man es nicht machen sollte.
Technik: Grafik und Sound
Das Herz der meisten Player ist der Prozessor Motorola 68070 — eine Variante des 68000-Chips mit integrierten Controllern, getaktet mit rund 15 MHz. Für das Bild sorgt der Videochip der Serie MCD 212, der mit zwei unabhängigen Grafikebenen arbeitet und diese transparent überblenden kann: Eine trägt einen fotografischen Hintergrund, die andere scharfe Interface-Grafik.
Neben den üblichen Palettenmodi (CLUT) beherrschte der Chip auch DYUV, ein Kompressionsformat für fotorealistische Bilder. Dadurch sahen Standbilder auf CD-i besser aus als bei der Konkurrenz — der Preis dafür war eine erbärmliche Bildwiederholrate. CD-i besaß keinen Hardware-Beschleuniger für Sprites oder Scrolling, sodass alles, was sich bewegte, vom Prozessor berechnet werden musste. Daher rühren die berüchtigte Ruckeligkeit und die "Papierfiguren"-Animation vieler Spiele.
Der Ton dagegen war eine Stärke. Neben 16-Bit-Stereo-CD-Qualität bot der Standard mehrere Stufen der ADPCM-Kompression, die es erlaubten, stundenlanges gesprochenes Wort auf die Disc zu packen und gleichzeitig mit den Daten abzuspielen. Gesprochener Kommentar war bei Lerndiscs selbstverständlich, zu einer Zeit, als Spieler an Kassettenkonsolen davon nur träumen konnten.
Anschlüsse und Peripherie
Das Standard-Bedienelement der frühen Modelle war eine Infrarot-Fernbedienung mit Daumen-Joystick und zwei Tasten. Zum Blättern in Menüs reichte das, zum Spielen war es fürchterlich — und weil Spiele genau damit steuerbar sein mussten, halten sich viele von ihnen an ein langsames Tempo und Bildschirm-Klicken. Später kamen Gamepads, ein Trackball, eine Maus und sogar ein Touchpad hinzu.
Das wichtigste Zubehör war die Digital Video Cartridge, ein Modul mit MPEG-1-Decoder. Erst damit beherrschte ein Player Video-CD und sogenannte Digital-Video-Titel mit Vollbildvideo — und ein Teil der Spiele setzt sie zwingend voraus. Bildseitig bieten die Geräte Composite und S-Video, europäische Exemplare in der Regel auch SCART.
Modelle und Revisionen
Die erste Generation repräsentieren die massiven Standgeräte der Serie CD-i 910, kaum von hochwertigen Hi-Fi-Komponenten zu unterscheiden. Nach und nach kamen kleinere und günstigere Modelle der Serien 200 und 400, wobei die spätere Serie 400 schon ausdrücklich auf Spieler zielte und meist gleich mit Gamepad geliefert wurde. Ein eigenes Kapitel bilden die professionellen Modelle für Firmen, Museen und Kioske, mit robusterem Gehäuse und Erweiterungssteckplätzen.
Es gab auch tragbare Player mit eigenem LCD-Panel. Für Sammler ist eines entscheidend: Die Modelle unterscheiden sich darin, ob sie die Digital Video Cartridge verbaut haben — und das Modul ist heute oft teurer als der Player selbst.
Klone und Varianten
Weil CD-i ein offen lizenzierter Standard war, entstanden keine Klone, sondern offizielle Varianten anderer Marken. In den USA wurde es unter Philips' eigener Hausmarke Magnavox verkauft, in Europa steuerte Grundig sein Modell bei, und auch asiatische Hersteller nahmen Lizenzen, darunter GoldStar (das heutige LG) und Kyocera. Im Inneren handelt es sich im Grunde um dieselben Maschinen, und Discs funktionieren zwischen ihnen ohne Einschränkung — genau das war Philips' Ziel.
In der ehemaligen Tschechoslowakei verkaufte sich CD-i nur am Rande, und bei den damaligen Preisen kauften es eher Firmen und Schulen als Familien. Wer sich daran erinnert, kennt es meist aus Vorführ-Kiosken in Kaufhäusern.
Die Szene heute
Die CD-i-Emulation gehört zu den anspruchsvollsten und am wenigsten ausgereiften im gesamten Retro-Bereich. Am weitesten sind der spezialisierte CD-i Emulator und der auf MAME basierende Treiber same_cdi. Beide benötigen die originale System-ROM des jeweiligen Player-Modells, ohne die gar nichts läuft — und bei Titeln mit digitalem Video stößt man zusätzlich auf Probleme bei der Emulation des MPEG-Moduls. Unterstützung in Batocera existiert, ist aber eher experimentell und stößt auf schwächeren Handhelds an eine Leistungsgrenze.
Der legale Weg zu Inhalten führt über Original-Discs, von denen es auf Flohmärkten reichlich gibt — Lerntitel wurden in großen Mengen gepresst, und niemand sammelte sie. Sammlerpreise erzielen nur die Nintendo-Spiele, die CD-i zur Internetlegende gemacht haben. Wer die Plattform fair kennenlernen will, sollte aber auch zu etwas anderem greifen: Burn:Cycle zeigt, wie gut Philips einen eigenen interaktiven Film konnte, und Hunderte enzyklopädischer Discs erinnern bis heute daran, dass dieses Gerät nie in erster Linie eine Konsole sein wollte.
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