Pentiment
Pentiment ist ein Spiel, das im Katalog eines großen Publishers eigentlich gar keine Chance haben dürfte zu entstehen — und trotzdem ist es entstanden. Es spielt in einer bayerischen Abtei und dem angrenzenden Dorf in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts, und der Protagonist ist Andreas Maler, ein Maler, der im Klosterskriptorium einen Auftrag vollendet. Als ein Mord geschieht, findet er sich unfreiwillig in der Rolle des Ermittlers wieder und muss in begrenzter Zeit Aussagen sammeln, Versionen vergleichen und schließlich auf einen Schuldigen zeigen, ohne je absolute Gewissheit zu erlangen. Die Entscheidungen sind dabei nie einfach nur gut oder schlecht.
Das Gameplay besteht größtenteils aus Gesprächen, Lesen und der Entscheidung, mit wem und womit man seine begrenzte Zeit verbringt. Zu Beginn wählt man Andreas' Bildung und Vergangenheit, was unterschiedliche Themenkreise eröffnet — man spricht anders mit einem Mönch, wenn man Theologie studiert hat, als wenn man durch Italien gezogen ist. Entscheidungen haben langfristige Folgen, das Spiel erstreckt sich über drei Zeitabschnitte hinweg über Jahre, und das Dorf verändert sich mit den Erschütterungen der Zeit. Dabei geht es nicht um eine Kriminalgeschichte mit einer einzigen richtigen Lösung, sondern um eine Erzählung darüber, wie eine Wahrheit entsteht, die eine Gemeinschaft als ihre eigene annimmt. Zum Alltag gehören auch kleine Szenen aus dem Dorfleben — ein gemeinsames Mahl, Feldarbeit oder das Drucken von Büchern —, die keine spielerische Belohnung bringen, aber die Welt ausschmücken.
Gestalterisch ist Pentiment vollkommen eigenständig — das ganze Spiel sieht aus wie eine illuminierte Handschrift und ein Holzschnitt, Texte erscheinen wie mit der Feder geschrieben, und die einzelnen Figuren haben eine Handschrift, die ihrer Bildung und ihrem Stand entspricht. Die Musik arbeitet mit zeitgenössischen Instrumenten, und die Geräusche des Schreibens und der Schritte auf Steinboden vervollständigen die Stille der Klausur. Die Kritik nahm das Spiel begeistert auf und hob seinen Mut sowie seine historische Sorgfalt hervor. Heute ist es einer der stärksten Beweise dafür, dass ein Publisher-Portfolio auch ein leises, textbasiertes, historisches Experiment ohne einen einzigen Schuss verträgt. Das Spiel läuft problemlos selbst auf älterer Hardware, da seine Anforderungen rein im Lesen liegen, nicht in der Berechnung.
Spiel 56 von 204 für Xbox One