Lunar: The Silver Star
Lunar: The Silver Star ist ein klassisches japanisches Rollenspiel über einen Jungen aus einem abgelegenen Dorf, der davon träumt, Dragonmaster zu werden, und nach und nach in das Schicksal der ganzen Welt und ihrer Göttin verwickelt wird. Die Erzählung setzt bewusst auf Archetypen – eine wachsende Heldentruppe, eine geheimnisvolle Sängerin, komische Auflockerung in Gestalt eines fliegenden tierischen Begleiters –, verarbeitet sie aber mit so viel Wärme, dass die Klischees nicht mehr stören. Die Kämpfe laufen rundenbasiert ab, wobei die Positionierung der Figuren auf dem Schlachtfeld eine Rolle spielt: Angriffe haben Reichweite, Zauber wirken flächig, und ein Positionswechsel in der ersten Runde entscheidet oft, ob der Zauberer oder der gepanzerte Krieger den Treffer abbekommt.
Auf dem Mega-CD schöpfte das Spiel das Medium voll aus. Zentrale Wendungen werden von handgezeichneten animierten Zwischensequenzen begleitet, die Dialoge der Hauptfiguren sind vertont, und die Musik ist als Audiospuren von der Disc aufgenommen, sodass statt Chipmelodien orchestrale und gesungene Stücke erklingen. Gerade die musikalische Seite gehört zum Einprägsamsten: Das Hauptthema und die Lieder zu entscheidenden Momenten tragen Emotionen, die der Text allein nicht leisten könnte. Die Grafik setzt auf farbenfrohe, gut lesbare Umgebungen und große Charakterporträts, die in Gesprächen ihren Ausdruck ändern. Das Tempo ist gemächlicher, mit ehrlicher Erkundung von Städten und Dungeons, doch das Spiel lässt einen nie lange im Ungewissen darüber, wohin es als Nächstes geht.
Damals galt Lunar als Beweis dafür, dass CD nicht nur Musikvideos bedeuten musste, sondern tatsächlich ein größeres, reichhaltigeres Spiel. Im Westen half ihm eine sorgfältige Lokalisierung, die den Texten eigenen Humor hinzufügte und es zu einem der wenigen japanischen Rollenspiele machte, die es überhaupt auf ein Sega-System schafften. Der Einfluss der Reihe zeigt sich vor allem darin, wie selbstverständlich spätere JRPGs animierte Intros und vertonte Szenen zu verwenden begannen. Heute wirkt das Spiel schlicht, aber ungemein einladend – ein Titel, bei dem sich ein langer Abend frustrationsfrei verbringen lässt, mit dem Gefühl, dass die Erzählung das Herz am rechten Fleck hat. Der Schwierigkeitsgrad ist moderat, und das Spiel belohnt eher das Erkunden als stundenlang wiederholte Kämpfe.
Spiel 16 von 29 für SEGA Mega-CD