Azure Dreams
Azure Dreams gehört zu den ungewöhnlicheren Rollenspieltiteln auf dem Game Boy Color – es überträgt auf die tragbare Konsole ein Konzept aus dem Original für die PlayStation und verbindet Dungeon-Crawling mit dem Aufbau von Beziehungen in der Stadt Monsbaiya. Der Spieler übernimmt die Rolle eines jungen Abenteurers, der sich in den endlosen, prozedural generierten Monster Tower wagt, um dort Eier zu sammeln und daraus Monster auszubrüten, die als Gefährten im Kampf dienen. Jeder Aufstieg in den Turm ist anders aufgebaut, was das Spiel von traditionellen JRPGs mit fest vorgegebenen Dungeons unterscheidet, und der Tod in höheren Stockwerken bedeutet den Verlust sowohl der Ausrüstung als auch des aufgezogenen Monsters, was den Spieler zu Vorsicht und Planung zwingt. Im Kampf greift der Spieler nicht selbst direkt an, sondern lenkt sein Monster und entscheidet, wann eine Spezialfähigkeit eingesetzt, wann der Rückzug angetreten und wann das Risiko eingegangen wird, ein Stockwerk weiter vorzudringen, was den Kämpfen gegenüber dem üblichen JRPG-Herumirren durch Gänge eine zusätzliche taktische Dimension verleiht.
Außerhalb des Turms spielt sich die zweite, ruhigere Hälfte des Spiels ab – der Aufbau des eigenen Hauses, das Kennenlernen der Stadtbewohner und die Pflege des eigenen Monsters, das wächst und sich verändert, je nachdem, wie mit ihm umgegangen wird. Der Spieler kann mit ausgewählten Figuren Freundschaften und Beziehungen aufbauen, was die verfügbaren Dialoge sowie kleinere Nebenaufgaben beeinflusst, und wechselt zwischen den Expeditionen fließend zwischen der Anspannung des Dungeons und dem ruhigeren Leben in Monsbaiya. Diese Kombination aus Roguelike-Elementen und Life-Sim-Mechaniken war um die Jahrtausendwende ungewöhnlich und wirkt bis heute frisch. Die grafische Umsetzung auf dem GBC musste mit einer begrenzten Farbpalette auskommen, dennoch gelang es, die Übersichtlichkeit der einzelnen Turmstockwerke sowie die Unterscheidbarkeit der verschiedenen Monstertypen zu bewahren, während die Musik die Atmosphäre eines geheimnisvollen, sich ständig verändernden Bauwerks gut unterstützt.
Zur Zeit der Veröffentlichung sprach das Spiel eher einen engeren Kreis von Genrefans an, die die ungewöhnliche Kombination der Mechaniken zu schätzen wussten, während die mediale Aufmerksamkeit eher großen Namen wie Pokémon galt. Heute ist Azure Dreams eine interessante Station für Sammler und Fans von Dungeon-Crawlern – es zeigt, wie vielfältig Rollenspiele auf dem Game Boy Color auch abseits etablierter Serien sein konnten, und sein hybrides Konzept nahm die spätere Beliebtheit von Roguelike-Elementen in Mainstream-Spielen vorweg, ähnlich wie man es heute etwa bei Serien wie Mystery Dungeon sehen kann.
Spiel 87 von 129 für Game Boy Color