Nier
Nier ist ein Action-Rollenspiel des Studios Cavia, das 2010 in praktisch jeder messbaren Hinsicht hinterherhinkte – außer in der wichtigsten, nämlich darin, wie stark es treffen kann. Der Hauptheld versucht in einer zerfallenen Welt der fernen Zukunft, seine kranke Tochter Yonah zu retten, und sucht zusammen mit dem sprechenden Buch Grimoire Weiss, der rauen Kainé und dem Jungen Emil nach Heilmitteln sowie nach dem wahren Wesen der Monster namens Shades. Die westliche Fassung versetzt den Helden in die Rolle eines Vaters, während die japanische Variante Replicant ihn zu einem älteren Bruder machte.
Das Gameplay ist bewusst uneinheitlich: Den Kern bilden Actionkämpfe mit Klingenwaffen und magischen Projektilen, doch das Spiel wechselt ohne Vorwarnung in einen Bullet-Hell-Modus, ein isometrisches Verlies-Erkunden, ein Textadventure oder einen Plattformer mit fester Kamera. Hinzu kommen Angeln, das Anbauen von Pflanzen und das Sammeln von Materialien zum Aufwerten von Waffen – Dinge, die absichtlich mühsam gehalten sind. Der eigentliche Kern liegt jedoch in der Struktur der wiederholten Durchgänge: Ein zweites Durchspielen zeigt dieselben Ereignisse aus einer anderen Perspektive und verwandelt Gegner von anonymen Zielscheiben in Wesen mit eigenen Beweggründen, und weitere Enden gehen noch weiter, darunter eines, das dauerhafte Auswirkungen auf den eigenen Spielstand des Spielers hat. Die Kämpfe selbst sind für sich genommen nicht besonders anspruchsvoll, und die Gefährten der Gruppe besitzen eigene, lange Nebenstränge, die sich erst später freischalten und zu den stärksten Teilen des Ganzen gehören.
Technisch hinkte Nier schon zur Veröffentlichung hinterher, die Umgebungen wirken leer und das Bild nicht sauber, was der Hauptangriffspunkt der damaligen Rezensionen war. Umso außergewöhnlicher ist die Musik von Keiichi Okabe, aufgebaut auf Gesang in einer erfundenen Sprache, die zu einem der angesehensten Spiele-Soundtracks überhaupt wurde und für sich allein eine Geschichte erzählen kann. Die zeitgenössische Bewertung war durchschnittlich, doch der Kult um das Spiel hielt an und führte schließlich zur Fortsetzung NieR: Automata, die Yoko Taros Namen zu einer Marke machte. Heute wird Nier vor allem wegen seiner Geschichte und des Gefühls gespielt, das es hinterlässt.
Spiel 78 von 293 für Sony PlayStation 3