Shantae
Manchmal entscheidet über das Schicksal eines Spiels nicht seine Qualität, sondern das Timing. Und kaum ein Titel belegt das so traurig und zugleich auf so bezaubernde Weise wie Shantae vom Studio WayForward. Es erschien nämlich 2002 — zu einer Zeit, als bereits der Nachfolger Game Boy Advance im Rampenlicht herrschte und das Interesse an den alten Schwarz-Weiß- und Farb-Game-Boys nachließ. Das Spiel kam so als Schwanengesang einer Ära, die sich gerade schloss.
Das Ergebnis? Es verkaufte sich kläglich wenig und wurde nach Jahren zu einem der gesuchtesten Sammlerstücke für den GBC überhaupt. Originalmodule wechseln heute für Hunderte Dollar den Besitzer, was angesichts seiner Qualitäten zugleich ironisch und bezeichnend ist. Wer es damals verpasste, zahlt heute dafür — buchstäblich.
Dabei war es aus rein technischer Sicht ein kleines Wunder. Shantae trieb die alternde Hardware des Game Boy Color bis an die äußerste Grenze ihrer Möglichkeiten: flüssige, reich animierte Figuren, prächtige Effekte und eine lebendige, farbige Welt, wie man sie auf einer Konsole von 1998 nicht erwarten würde. Der titelgebenden halben Dschinni Shantae fehlt es dabei nicht an Persönlichkeit und Charme, die ihr eine Kultstellung einbrachten.
Das Gameplay steht auf einem bewährten Metroidvania-Fundament, gewürzt mit einer bezaubernden Idee — Shantae ändert durch Tanz ihre Gestalt. Sie verwandelt sich in einen Affen, einen Elefanten oder eine Spinne, und jede dieser Formen öffnet neue Wege und Möglichkeiten, Rätsel zu lösen und zuvor unpassierbare Orte zu überwinden. Erkundung und das schrittweise Freischalten der Welt bekommen so einen eigenwilligen, tänzerischen Beigeschmack.
Das Spiel selbst legte zudem das Fundament für eine Serie, die trotz des katastrophalen Starts nicht starb — im Gegenteil, sie lebt und erscheint bis heute. Der Weg zu den Fortsetzungen war jedoch nicht leicht; WayForward konnten es sich lange nicht leisten, an ihr eigenes Werk anzuknüpfen, und Shantae arbeitete sich von einem fast vergessenen Titel zu einer geliebten Indie-Ikone empor. Das Original von 2002 bleibt derweil jener seltene, an der Grenze der Hardware-Möglichkeiten geschaffene Grundstein, auf dem alles steht.
Warum spielen: Ein technisch verblüffendes und ungemein bezauberndes Metroidvania, das eine Kultserie ins Leben rief — und heute zu den seltensten Schätzen der Game-Boy-Color-Bibliothek zählt.
Spiel 5 von 129 für Game Boy Color